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veranstaltungsreihe

Neue Wege: das Jahr 1919

Dienstag, 17. September 2019, 19:30 UHR

Gründung von unten?

Gustav Schiefler, der „Werkbund Geistiger Arbeiter“ und die Uni Hamburg 1919

Vortrag von Rolf von Bockel



1918 bildeten sich überall im Reich „Räte Geistiger Arbeiter“. In Hamburg etablierte sich der „Werkbund Geistiger Arbeiter“. Maßgeblicher Initiator: der liberale Richter Gustav Schiefler (1857–1935). Sein Haus in der Oberstraße war über Jahre Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler. Schiefler war – neudeutsch – ein begnadeter „Netzwerker“. Mitstreiter fand er in Intellektuellen wie Fritz Schumacher, Gustav Pauli, Wilhelm Stern u. v. a. m.

 

Der Werkbund trat offensiv für eine Universitätsgründung ein. Gegen die „bildungsfeindlichen Instinkte“, so Schiefler, „welche im Großen die Hamburgische Kaufmannschaft selbst in ihren kultivierten Schichten“ präge. Er organisierte ein umfassendes Vorlesungswesen für Kriegsheimkehrer. Aus seinen Reihen kamen Persönlichkeiten, die dann eine zentrale Rolle bei der Uni-Gründung 1919 spielten (u. a. Karl Rathgen, der erste Rektor). Die oft unterschätzte Rolle Schieflers und des „Werkbunds“ für die Gründung von Hamburgs Alma Mater stehen im Zentrum des Vortrags.

 

Gustav Schiefler
Quelle: Rudolph Dührkoop: Hamburgische Männer und Frauen am Anfang des XX. Jahrhunderts. Kamera=Bildnisse. Aufgenommen und in Kupfer geätzt und gedruckt. Hamburg 1904, S. 107

Dr. Rolf von Bockel, Historiker, Verleger. Veröffentlichungen zur Geschichte pazifistischer Gruppen, Kurt Hiller, Helene Stöcker, NS-, Demokratie- und Hamburg-Geschichte. Aufsatz: Ein bürgerlich-revolutionäres Erfolgsmodell: Der Hamburger „Werkbund Geistiger Arbeiter“. In: Metropole und Region (2018). S. 65ff.

Eintritt: freiSpende erbeten

Dienstag, 08. Oktober 2019, 19:30 UHR

Auch wir wollen die Wahl haben!

Der lange Weg der deutschen Frauen zum politischen Frauenstimmrecht

Vortrag von Frauke Geyken



„Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen, die am Wahltag das 20. Lebensjahr vollendet haben.“ Mit diesen Sätzen brachte der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918, mitten in der Revolution, eine große Wahlrechtsreform auf den Weg: Es wurde nicht nur das ungleiche preußische Dreiklassenwahlrecht abgeschafft, sondern auch das aktive Frauenwahl- und das passive Frauenstimmrecht eingeführt.

 

Dies bedeutete jedoch keineswegs, dass den deutschen Frauen das Frauenstimmrecht quasi in den Schoss fiel. Das hieße, einen jahrzehntelangen Kampf negieren, den sowohl Einzelfrauen als auch alle Flügel der Frauenbewegung bereits im 19. Jahrhundert begonnen hatten. Die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland im November 1918 ist vielmehr als eine Etappe auf dem langen Weg der Demokratisierung zu verstehen, als Prozess, der ungefähr 100 Jahre vor der Einführung begann und auch nicht 1918/19 endete. Denn, wie wir heute wissen, ist nur durch die Möglichkeit, aktiv zu wählen und passiv gewählt zu werden, die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht zu erreichen gewesen.

 

Broschürencover zum Frauenstimmrecht
von Lida Gustava Heymann
Abb.: Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel,
Buchnr.: 19775

Dr. Frauke Geyken; Studium der Geschichte, Skandinavistik und Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen; Diss.: „Gentlemen auf Reisen. Das britische Deutschlandbild im 18. Jahrhundert“ (2002); langjährige wiss. Mitarbeiterin an der Uni Göttingen; seit 2008 freie Historikerin und historische Publizistin. Publikation u. a.: „Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler“ (2014).

Eintritt: freiSpende erbeten

Dienstag, 15. Oktober 2019, 19:30 UHR

Zweite Revolution oder Aufruhr?

Die Hungerunruhen in Hamburg im Juni 1919

Vortrag von Uwe Schulte-Varendorff



Die Niederlage des Deutschen Kaiserreichs war im November 1918 besiegelt. Die innenpolitischen Verhältnisse in Hamburg waren auch nach Abschluss der anschließenden revolutionären Phase alles andere als stabil. Einerseits waren sie geprägt von militanten Auseinandersetzungen zwischen radikalen Gruppierungen, andererseits bestimmten weiterhin Hunger und Not den Alltag der Bevölkerung.

 

Dies war der Nährboden für die Ende Juni 1919 in der Stadt ausbrechenden „Sülzeunruhen“. Die Aufdeckung von skandalösen Herstellungs- und Verarbeitungsmethoden eines Sülzefabrikanten führten zu Aufruhr im gesamten Stadtgebiet. Diese bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse führten zum massiven Einsatz von Reichswehrtruppen, da die Reichsregierung die Zustände in Hamburg als Revolutionsversuch brandmarkte. Ob dies zutreffend ist oder es sich um spontane Hungerunruhen handelte, wird in dem Vortrag eingehend beleuchtet.

 

Satire 1919
Abb.: Staatsarchiv Hamburg

Uwe Schulte-Varendorff, M. A., freier Geschichtswissenschaftler; Forschungsschwerpunkte: deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, deutsche Kolonialgeschichte, Legendenbildungen um Paul von Lettow-Vorbeck und Hermann Detzner, Erster Weltkrieg in der Kolonie Kamerun. Publikation: Die Hungerunruhen in Hamburg im Juli 1919 – eine zweite Revolution? (2010).

Eintritt: freiSpende erbeten

Dienstag, 19. November 2019, 19:30 UHR

Topographie einer Hölle

Reportagen der Unter-Weltstädte. Fragmente von Walter Mehring

Lesung von Sven j. Olsson



Walter Mehring, einer der interessantesten und unbequemsten Autoren der 1920er- und 1930er-Jahre, war nach dem Kriege „kein vergessener, sondern ein ungedruckter Autor“ (Eberhard Adamzig). Viel mehr noch – er war ein ungelesener Autor und ein Meister des Wortes, dessen Lyrik von Kollegen wie Kurt Tucholsky hoch geschätzt wurde. Der neben Gedichten und Chansons auch vier großartige Romane schrieb.

 

Das Manuskript seines letzten Romans „Topographie einer Hölle“ ging vor der Veröffentlichung auf Mehrings Weg ins Krankenhaus verloren. Die, anhand der handschriftlichen Erstfassung, rekonstruierten Kapitel schildern ergreifend Berlin, Paris, Wien und Marseille als Unter-Weltstädte auf seiner Flucht vor den Nationalsozialisten. Der Roman beschreibt, wie Walter Mehring im Internierungslager Camp de Saint Cyprien landet, fliehen kann und endlich durch die Hilfe von Varian Fry und das Emergency Rescue Committee nach Amerika gelangt. Es ist eine eindringliche und fesselnde Innenansicht eines Flüchtlings vor der Barbarei.

 

Sven j. Olsson; in Hamburg geboren; seit 1982 in den verschiedensten Bereichen des Theaters tätig; leitet seit 2009 in Hamburg die Wohnungslosen-Theatergruppe „Hornköppe“ mit bisher vier Produktionen; seine Liebe zum Werk Walter Mehrings führte 2013 zur Dramatisierung des Romans „Müller. Chronik einer deutschen Sippe“, 2015 zum Arbeitsjournal „Eine Dramatisierung. Die verlorene Bibliothek“ und zum Programm „Viel-Mehr-Mehring“.

Eintritt: freiSpende erbeten

Dienstag, 10. Dezember 2019, 19:30 UHR

Zum 125. Geburtstag von Hans Henny Jahnn

Vortrag von Jan Bürger



Hans Henny Jahnn war Orgelexperte, Landwirt, Pazifist, Musikverleger und – vor allem – Schriftsteller. Er hat provoziert, obwohl er es nie darauf anlegte. Sein künstlerischer Eigensinn wurde als skandalös empfunden, seine Besessenheit rückte ihn in die Rolle des Außenseiters. Von Schriftstellern, Musikern und Künstlern als genialer Erneuerer des Romans verehrt, konnte er nie ein breites Publikum erreichen. In Vergessenheit geriet er dennoch nicht.

 

Zum 125. Geburtstag von Jahnn verknüpft Jan Bürger dessen Lebenswerk mit den Tendenzen seiner Zeit: Wie reagierte ein so origineller und auf Wirkung bedachter Künstler auf die Erschütterungen durch Kriege, politische Katastrophen und wissenschaftliche Revolutionen? Im Ersten Weltkrieg floh er aus Hamburg nach Norwegen. Nach der Rückkehr gründete er 1919 in der Lüneburger Heide die Glaubensgemeinschaft Ugrino und gewann 1920 mit dem Drama „Pastor Ephraim Magnus“ den Kleist-Preis. Mit Alfred Döblin, Bertolt Brecht, Gustaf Gründgens und vielen anderen stand er in enger Verbindung.

 

Abb.: Hoffman und Campe

Jan Bürger, geb. 1968, ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. Er arbeitet seit 2002 im Deutschen Literaturarchiv Marbach. Wichtige Veröffentlichungen: "Der Neckar. Eine literarische Reise" (2013), "Benns Doppelleben oder wie man sich selbst zusammensetzt" (2006), "Der gestrandete Wal. Das maßlose Leben des Hans Henny Jahnn" (2003/2017).

Eintritt: freiSpende erbeten

Dienstag, 22. Oktober 2019, 19:30 UHR

Lebertran & Rock’n Roll

Geschichten aus Kindheit und Jugend in der Eimsbütteler Nachkriegszeit

Autobiographische Lesung mit Maren Witte



Maren Witte wuchs mit zwei älteren Schwestern ohne den im Krieg verschollenen Vater in Hamburg-Eimsbüttel auf. Sie erzählt persönliche Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend, damit sie für die Nachwelt bewahrt werden. Am eigenen Leib bekam sie die Kälte, den Hunger und die Armut zu spüren. Trümmerberge waren die abenteuerlichsten Spielplätze. Auch wenn ein Kind nicht wirklich den Ernst der Lage erfasst, fließt die Zeit der britischen Besatzung in die Erinnerungen mit ein: Es denkt eher an Familie, Spiel, Sport und Gesang; es versucht Spaß und Freude am Leben zu haben.

 

Maren Witte
Foto: Privat

Maren Witte, Jg. 1943, Ausbildung zur Fotolaborantin und Bürokauffrau; Kunststudium an der „Akademie Leonardo“ in Hamburg.

Eintritt: freiSpende erbeten